LiD - Mein Oberkassel

„Die Glücksburger Straße ist für mich die schönste Ecke in Oberkassel – Kopfsteinpflaster, stilvolle alte Häuser und riesige Bäume. Ein Traum! Eine Straße wie ein Wohnzimmer, so richtig zum Wohlfühlen.“

Schon als Kind war Oberkassel für mich immer die (Halb)-Insel der Glückseligen. Vielleicht der Ahnungslosen, der scheinbar Ahnungslosen dessen, was in der Welt außerhalb dieses Kokons passiert. Gut geschützt vom Rhein, der sein Knie dort um dieses Viertel schwingt, aber gut erreichbar von allen Seiten der Stadt: Man kommt von Lohausen nach Bilk schneller, wenn man den Rhein zweimal überquert und quer durch Oberkassel fährt.

Mir, der ich in Golzheim meine Kindheit und meine Jugend in Lörick verbracht habe, erschienen Straßen wie die Dominikanerstraße, die Leostraße oder die Drakestraße wie eine verbotene Stadt. Ich hatte immer das Gefühl, nicht adäquat gekleidet zu sein, um sie zu betreten und mit meinem kleinen Peugeot hätte ich mich nie getraut, dort zu parken. Viele Häuserzeilen sind erhalten, und diese dörfliche Struktur macht diesen Stadtteil nahezu autark, sogar ein eigenes Theater gibt es an der Luegallee, eine große katholische und eine evangelische Kirche, einen japanischen Tempel und ein Oktoberfest im September.

Den Stadtpark braucht keiner zu finanzieren, denn das sind die hier ausgesprochen breiten Rheinwiesen, die bei Hochwasser zu einem Meer werden können. Geht man von einer der Brücken aus auf die „linke“ Rheinseite und dann nach rechts, kann man ohne Ampel und ohne Unterbrechung ungestört durch schönste Flußlandschaften bis Krefeld radeln oder wandern. So haben sich hier auch viele Einzelhändler sehr spezieller Themen halten können, die Dichte der Supermärkte ist nicht übertrieben, bemerkenswert ist auch die äußerst lebhafte Kneipen– und Restaurantszene. Zum Stadtteilbild gehören ein Wochenmarkt wie in Italien auf dem Barbarossaplatz, der eigene Weihnachtsmarkt, ein Abenteuerspielplatz und zwei der besten Gymnasien der Stadt. Viele Klischees Düsseldorfs sind hier erfüllt: Männer um die 60 mit weißen, zurückgekämmten längeren Haaren, die von einer Armani-Sonnenbrille gehalten werden, den rosa Pullover um die Schulter geschwungen und unter dem Arm ein Baguette und die Bild-Zeitung, einen mäßigen Lugana schlürfend – Hauptsache, man kennt den Wirt beim Vornamen.
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Nicht ganz der natürlichen Alterung überlassene blondierte Frauen mit Frisuren, die jeder, von Holland herüberwehenden Meeresbrise standhalten, die bei einem Latte macchiato über ihre alles finanzierenden Männer herziehen. All das findet man hier mehr als auf der Kö. Auf dem Salierplatz, der eigentlich ein Kinderspielplatz mit angrenzenden Grundschulen ist, treffen sich Mütter und solche, die es werden wollen, zuweilen auch zu Prosecco und Pizza, während die Männer am Handy ihre Läden am Laufen halten. Ärzte, die aussehen, als verbrächten sie mehr Zeit in St. Tropez als in ihrer Praxis. Bei all dieser Überhöhung, hat sich Oberkassel auch die rheinische Ironie bewahrt, erträgt lässig die jährlich größte Kirmes am Rhein, das japanische Feuerwerk und etliche Kurdendemonstrationen. Der Blick auf die Altstadt mit Tonhalle, Lambertus, Schlossturm, Mannesmannufer und den Medienhafen entschädigt reichlich dafür. Und trotz all der Vorbehalte gegenüber einer so abgehobenen Welt, die ich sicher mit anderen Düsseldorfern teile, die hier leben, erliegen sie alle der Schönheit dieses Stadtteils und nehmen das Unwirkliche billigend in Kauf. Ich auch.

VITA

René Heinersdorff leitet im Rhein-Ruhr-Gebiet das Theater an der in Düsseldorf, das Theater am Dom in Köln und das Theater im Rathaus in Essen. Er spielt und inszeniert darüber hinaus regelmäßig in den Komödienhäusern von München, Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe, Braunschweig, Dresden, Bonn und Berlin sowie an diversen Stadttheatern. Er betreute über 170 Premieren seiner Inszenierungen. Zuletzt spielte und inszenierte er deutschlandweit sein eigenes Stück „Aufguss“ unter anderem mit Jeanette Biedermann, Hugo Egon Balder. Momentan kann man in Hamburg die Inszenierung von „Komplexe Väter“, ebenfalls aus der Feder von René Heinersdorff, an der Komödie im Winterhuder Fährhaus in Hamburg sehen – mit Jochen Busse, Hugo Egon Balder, sowie seine Inszenierung von Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ mit Jeanette Biedermann, Cosma Shiva Hagen, Johannes Brandrup am Theater an der Kö in Düsseldorf.

Für das deutsche Fernsehen drehte er als Schauspieler durchgehende Hauptrollen in „Eichbergers besondere Fälle“ (ZDF) mit Walter Sedlmayr und Billie Zöckler, in „Drei Mann im Bett“ (WDR) mit Jochen Busse und Karsten Speck und vor allem zehn Jahre lang in „Die Camper“ (RTL) mit Willi Thomczyk, Antje Lewald und Dana Golombek, und er spielte zahlreiche Episodenrollen in deutschen Fernsehserien. Im Kino sah man ihn zuletzt in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ von Lars Kraume. Der Düsseldorfer schrieb 14 Theaterstücke, die bundesweit aufgeführt, in zahlreiche Sprachen des europäischen Auslandes übersetzt und dort ebenfalls gespielt werden – zurzeit  in Polen, Lettland, Holland, Tschechien und in Australien. René Heinersdorff ist mit der Schauspielerin Tanja Schleiff liiert, die Mutter dreier seiner vier Kinder ist.

 
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